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Der Wanderer
Gedankengang und Bedeutung des Goethe'schen Gedidites
Das ist des Dichters wahre, erhabene Kunst, dem Leser die Begebnisse, die er erzählt, so lebhaft vor Augen zu führen, -daß ihm die Gegenwart und seine ganze Umgebung zu entfliehen scheint und daß er nicht nur ein Kunstwerk empfindet, sondern über dessen klarer Natürlichkeit die- Kunst vergißt und die Begebenheit - miterlebt. Es muß dem Leser gehen, wie jenem Manne, dem in einem Guckkasten eine prachtvolle Landschaft gezeigt wurde, in die er sidi dermaßen vertiefte, daß er den Duft der Blumen zu spüren und das leise Säuseln der Blätter wahrzunehmen vermeinte. Er muß sich dessen nicht schämen, der Mann, wenn audb tausend andere hineinblickend immer nur - ein Bild sehen. Es muß ein jedes Kunstwerk vor den richtigen Beobachter kommen - und es muß bei jedem der richtige Maßstab angelegt werden. Das heißt, dieser Maßstab fügt sich von selbst. Es tritt so mancher an ein Werk heran, mit der Absicht, sich ein Urteil darüber zu bilden. Dies ist ein töricht Unterfangen, denn eben dadurch, daß er sich bemüht, sich über alles, was et empfindet, sofort Rechenschaft zu geben, reißt er sich stets vom Zauber los, der ihn umfangen will, - und sein Urteil wird kalt. - Es giebt indessen nur zweierlei Werke: solche, die gefangennehmen und mitreißen, und solche, die trotz schöner, lobender Kritik im Herzen kein Echo wecken. Die ersteren nur verdienen wirklich so zu heißen, die letzteren führen den Namen nur zum Schein. Ein Werk der ersten Gattung nun ist es, bei dem wir einen Augenblick verweilen wollen: Goethes Wanderer. Ich konnte mich dem Zauber dieses Gedichtes nie entziehn, - und es giebt kaum bald eine örtlichkeit, die ich so lebhaft vor meinem geistigen Auge schaue wie jene. Ich sehe den Hang, über dessen reich bewachsene Gefilde der rötliche Schimmer des westlichen Rots sich ergießt, - während die Mutter, den Knaben an ihrer Brust, und der Fremdling die engen Stein-
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