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Zur EinführungAls Willy Brandt die ersten Anláufe unternahm, um für die SPD die politische Macht in dér Bundesrepublik zu erobern, rief er zur Wiederher-stellung der politischen Morál im deutschen Volk auf.Er forderte Bescheidenheit, Redlichkeit, Offenheit, Duldsamkeit und Achtung vor der Meinung und dem Wert des anderen".Klagte der damalige Kanzlerkandidat: Nurallzu oft habén Politiker den guten Glauben, das Vertrauen der Menschen betrogen, und nur allzuoft müssen Menschen erkennen, daB moralgefüllte Sátze im Munde mancher Politiker in der Wirklichkeit des Lebens zu einem kümmerlichen Rest von Eigennutz und Selbstinteresse zusammenschrumpfen. Auch kleine Lügen, im táglichen Leben nicht selten, können das Vertrauen aller in die Politik zerstören, besonders, wenn ein Volk wie das unsere vor nicht allzu langer Zeit die groBe Lüge der Diktatur wie eine Krankheit in sich getragen hat und fast daran gestorben ist."Wer so groBe Worte in den Mund nimmt und sich zum Sittenrichter einer Nation aufwirft, muB erwarten, daB seine eigene Person an den strengen MaBstáben, die er selbst gesetzt hat, gemessen wird, daB die Frage seiner Glaubwürdigkeit objektív, aber schonungslos geprüft wird.Unter diesem Aspekt hatten Verleger und Autor schon unmittelbar nach der Verleihung des Friedens-Nobelpreises an Bundeskanzler Willy Brandt geplant, im Herbst 1972 sein Leben und Wirken an Hand der Fakten zu würdigen. Mit Rücksicht auf die Vorverlegung der Neuwahlen zum Deutschen Bundestag schoben sie ihr Vorhaben auf. Sie gingen dabei von der Meinung aus, daB ihr sachliches Anliegen dem MiBverstándnis einer Einmischung in den Wahlkampf ausgesetzt sein würde.Der auch von glühenden Verehrern des Bundeskanzlers als unbefriedigend empfundene Zustand daB bislang auBer anspruchslosen Propaganda-Biografien für Brandt und einigen teilweise gehássigen und unsachlichen Schriften gegen ihn keine kritische Arbeit erschienen ist, soll durch dieses Buch beseitigt werden. Insbesondere war der Autor darum bemüht, den von sozialdemokratischer Seite beklagten Mangel zu beheben, daB der sozialisti-sche Charakter der Persönlichkeit Brandts auch von seinen Freunden bisher nur ungenügend beleuchtet worden ist.Der Autor sah keinen AnlaB, auf die freimütige Erörterung seines Themas zu verzichten, weil gewisse Kreise die Behandlung der Person Brandts tabuisiert sehen möchten. Er ist der Meinung, daB man die zum Verstándnis der Gegenwart notwendige Vergangenheit kláren und nicht verdrángen sollte. Dabei geht er übrigens mit Brandt konform, der zum Thema Vergangenheitsbewáltigung einmal gesagt hat: Ich halté nichts von der Theorie des Graswachsenslassens, denn dabei kommt zuviel Unkraut hoch."