Bővebb ismertető
! i .» ,
Die fotografierte Zeit
Jupp Darchinger: Die 50er Jahre und
die beginnenden 60er Jahre
Von Klaus Honnef
Je weiter der Blick in die Vergangenheit zurückgleicec, desto fantastischer erscheinen ihre fotografischen Darstellungen. Dabei haben die Bilder nach Ansicht vieler Theoretiker des Mediums doch konserviert, was tatsächlich einmal gewesen ist. Dennoch wirken Josef Heinrich Darchingers Aufnahmen aus den Anfängen der Bundesrepublik Deutschland, als habe der Zauberer von Oz mit dem Schwung seines Stabes den Blick auf ein fremdes, merkwürdig unwirkliches Land ermöglicht. Die Menschen sind bescheiden und bieder gekleidet, Mädchen und Jungs schauen mit struppigen Haaren und munceren Gesichtern in die Kamera, die Auslagen der Geschäfte sind überschaubar und die Autos haben den Charme von Oldtimern. Polizisten in Uniform regeln den spärlichen Verkehr an neuralgischen Punkten der Stadt unter einem metallenen Baldachin. Die städtische Architektur ist nüchtern und zweckmäßig, die Technik hingegen von handwerklichem Geist erfüllt. Durch das Land verläuft eine immer sichtbarer werdende Grenze aus spanischen Reitern, Stacheldraht und später Beton. Die Männer tragen alle Hut und wo die Bomben des Krieges die Städte allgemeiner Vorstellung nach verwüstet hatten, stehen manchmal noch die unversehrten Bürgerhäuser der wilhelminischen Gründerjahre in stolzer Pracht. Verwundert reiben sich selbst diejenigen die Augen, die während der fotografierten Zeit aufgewachsen sind.
Umso fremder muss sie auf alle Menschen wirken, die geboren wurden, als viel breitere Straften den Verkehr schon nicht mehr aufnehmen konnten und die Regale in den Warenhäusern von Angeboten überflössen, als Hüte aus der Mode gekommen waren und gelenkige Roboter in den Fenigungshallcn der Autoindustrie die Arbeit crheblich schneller verrichteten als früher die Monteure mit ihren Händen am l'licßband. Während die Welt der fotografischen Bilder
ihren Großeltern im Blick zurück erscheint, als würden sie ihre Vergangenheit wie durch ein umgedrehtes Fernglas betrachten, nehmen die Jüngeren möglicherweise eher Züge des Exotischen wahr. Das äußere Erscheinungsbild des eigenen Landes während dieser Zelt ist ihnen vermutlich weniger vertraut als das ferner Länder in Amerika, Asien oder Afrika. Ein beziehungsreiches Echo auf die rheinischen Karnevallsten der immittelbaren Nachkriegszeit, die nach dem Zu-sammenschluss der drei westlichen Besatzungszonen zu einer Wirtschaftseinheit selbscironisch schmetterten: „Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien."
„Wenn nicht ein Wunder geschieht, geht das deutsche Volk zugrunde, langsam, aber sicher."
Was Darchingers Bilder Im Spektrum von anderthalb Dekaden zeigen, konnten nicht einmal die Menschen damals, als er sie fotografierte, rational erklären. Dabei haben sie die Zeit mit pragmatischem Elan und großer Energie bewältigt. Deshalb suchten sie in der Metaphysik Zuflucht und redeten von einem Wunder. Die Epoche, die der Fotograf porträtiert, ist als Zeit des „Wirtschaftswunders" im kollektiven Gedächtnis fest verankert. Auch Konrad Adenauer, der im September 1949 mit einer (seiner) Stimme Mehrheit zum ersten deutschen Bundeskanzler gewählt wurde, beschlich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die vage Ahnung: „Wenn nicht ein Wunder geschieht, geht das deutsche Volk zugrunde, langsam, aber sicher." Keineswegs verwunderlich, wie ein paar trockene Zahlen und Statistiken belegen. 1,35 Millionen Tonnen Bomben waren auf die deutschen Städte gefallen. 3,6 Millionen Wohnungen wurden