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Vorwort
Bei den Vorarbeiten zu einer Ausstellung über das Getto in Lodz' stießen wir 1989 in Israel auf ein Tagebuch, das einige der Maßstäbe sprengte, die vorauszusetzen wir uns angewöhnt hatten. Es handelte sich um einen fragmentarischen, von Hand geschriebenen Text, der zwischen dem 17. Februar 1942 und dem 28. Juli 1944 im Getto von Lodz in 21 polnischen Schulheften notiert worden war.
Die Schulhefte befinden sich im Archiv der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Eine dort vorliegende Abschrift von fünfzehn Heften umfaßt 502 Seiten. Dazu kamen 80 Seiten noch nicht transkribierter Handschrift in sechs weiteren Heften. Der Autor dieses Tagebuches war Oskar Rosenfeld, ein Schriftsteller aus Wien.
Rosenfeld war uns zu diesem Zeitpunkt schon als einer der Autoren der täglichen Getto-Chronik bekannt. Doch mehr noch als in der für den Judenrat verfaßten Chronik entfaltete Rosenfeld in seinem privaten Tagebuch die ganze Widersprüchlichkeit des Gettos, in dem das Leben der darin eingesperrten jüdischen Gemeinschaft in unmerklichen Schritten und in gewaltsamen Exzessen erstickt wurde.
Die Durchsicht der Hefte ergab einen Mikrokosmos von täglichen, sehr persönlichen Aufzeichnungen, Entwürfen, Skizzen und Motiven für geplante literarische Erzählungen, sowie Notizen zu einer Geschichte des Gettos. Einige Seiten des Tagebuches sind mit Zeichnungen illustriert, auf anderen finden sich Skizzen zu Selbstporträts. Neben einigen wenigen Texten, die zum Teil unverändert auch in die offizielle Getto-Chronik eingegangen sind, enthält das Tagebuch vor allem ungeschminkte Schilderungen des Alltags und der inneren Konflikte des Gettos, von Hunger, Zwangsarbeit und Deportationen, der Bemühungen um kulturelles, soziales und religiöses Leben, des Kampfes um die Bewahrung menschlicher Würde und ihre fortwährende Zertrümmerung. Auseinandersetzungen aber auch mit der schrittweisen Verstrik-
1 Die Ausstellung entstand im Rahmen des Jüdischen Museums Frankfurt am Main: »Unser einziger Weg ist Arbeit«. Das Getto in Lodz 1940-1944. Unter dem gleichen Titel (Hg. Jüdisches Museum Frankfurt am Main, Redaktion Hanno Loewy und Gerhard Schoenberner) erschien auch ein Katalogbuch im Locker Verlag, Wien 1990.