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Grußwort
Im 20. Jahrhundert bildeten Zwangsmigration und Vertreibung grausame Instrumente der Politik, unter denen viele Millionen Menschen zu leiden hatten. Sie haben tiefe Spuren in der gesamten europäischen Gesellschaft hinterlassen und geben immer wieder Anlass zu Debatten, die das Selbstverständnis der heutigen Gesellschaften in Europa berühren. Bislang wurden die Auseinandersetzungen um die erfolgten Zwangsmigrationen und ihre Bewertung in einem nationalstaatlichen Rahmen geführt. Dabei wurde oft auf die nationale Ebene der Geschehnisse abgehoben und gesellschaftliche Kontexte wie Zusammenhänge mit der internationalen Politik wurden ausgeblendet. Sie führen vielerorts zu schmerzhaften Debatten über das Thema, die sich innerhalb einer nationalen Gesellschaft oder auch zwischen ihnen abspielen und alte Ressentiments wecken.
Die Friedrich-Ebert-Stiftung, die sich seit ihren Anfängen dem Ziel der internationalen Verständigung verbunden fühlt, hatte im März 2004 Ge-schichtswissenschafider aus acht Ländern Europas eingeladen, um über die europäische Dimension von Zwangsmigrationen im 20. Jahrhundert und deren erinnerungspolitische Bedeutung für das Zusammenwachsen Europas zu diskutieren. Am Beispiel der verschiedenen Vertreibungsvorgänge in Osteuropa wurden Verquickungen, Abläufe und anschließende Politik der Erinnerung in den Nationalstaaten thematisiert. Auf dem Forschungsstand aufbauend, wurde über Fragen einer europäischen Perspektive auf das Thema, der vorhandenen Ansätze zur Aussöhnung und gemeinsamen Verarbeitung sowie der didaktischen Aufbereitung des Themas Zwangsmigration diskutiert. Zum Abschluss der Tagung wurde die in diesem Buch abgedruckte „Bonner Erklärung — Europäisches Netzwerk: Zwangsmigrationen und Vertreibungen im 20. Jahrhundert" verfasst, die den Wunsch der Experten nach einer gemeinsamen, europäischen Auf- und Bearbeitung von Zwangsmigrationen ausdrückt. Diese Erklärung wurde die Grundlage für die Verhandlungen der Kulturminister aus Deutschland, Polen, Ungarn, Tschechien und der Slowakei zum Vertreibungsproblem. Inzwischen wurde hierauf aufbauend ein Regierungsabkommen über die Gründung eines „Europäischen Netzwerks ,Erinnerung und Solidarität'" abgeschlossen,