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Die Kunst des Geniessens
Schauen Sie nicht auf das Etikett. Auch (wenigstens anfangs nicht) auf den Preis. Lassen Sie sich nur von einem leiten: wie Ihnen das zusagt, was Sie im Glas haben. Das ist die Regel Nummer eins beim Weingenießen - aber sie ist doch wohl leichter aufgestellt als angewendet. Woher weiß man denn, wie sehr einem etwas zusagt? Das ist durchaus keine dumme Frage.
Die Myriaden von Identitäten des Weins, vom zartesten Weiß bis zum prunkvollsten Bernsteinbraun, sind in ihren Extremen so verschieden wie Alpen und Wüste, Sonett und Epos, Chopin und Wagner, Krokus und Rhododendron. Die Bilder sind weit hergeholt, aber gerade so unterscheidet sich der Wein von allen anderen Getränken. Seine Spannweite reicht von Spitzen bis Leder, von Glanzhell bis Unergründlich, von Einschmeichelnd bis Explosiv, in unzähligen Schattierungen, Farben und Tönen. Was also sagt Ihnen am meisten zu?
Ein weiser Mann sagte einmal, derjenige sei ein Kenner, der guten Wein von schlechtem unterscheiden und das genießen könne, was verschiedene Weine jeweils an Gutem zu bieten haben. Es sind also zwei Phasen: Urteil - gut oder nicht gut -und Würdigung - den Geschmack im Kontext erkennen, mit andersartigem Geschmack vergleichen und darüber spekulieren, wer wann und wo diesen oder jenen Wein gemacht hat. Am wichtigsten aber ist es, Zunge und Gaumen mit dem Wein zu bespülen und Frucht und Struktur, Licht und Schatten, Tiefe, Art und Adstringenz - einfach alles, was man sieht, was man riecht, was man schmeckt und was am Ende als Eindruck, als Geschmacksphantom davon bleibt (oder nicht bleibt) - auf sich wirken zu lassen.
Man kann hierin technische Meisterschaft erlangen. Weinerzeuger und Weinhändler sind arme Wesen, dazu verdammt, jeder Nuance, die sie entdecken, einen Namen zu geben, sich